Geh-Abenteuer auf dem Osnabrücker Bahnhofsvorplatz
Wo ein Wille ist, ist auch…?
Wie fußgängerfreundlich ist der neugestaltete Bahnhofsvorplatz? Angeführt vom Osnabrücker Pantomimen Manfred Pomorin zeigte zuFuß! e.V. auf, wo es auf den neugestalteten Flächen und Wegen holpert und stolpert – und stressig, teils auch gefährlich wird.










Raumgreifend gestikulierend, immer wieder mit freundlich hochgezogen Augenbrauen auch Passanten einbeziehend, geht Pantomime Pomorin der Kolonne von zuFuß!-Mitgliedern und Sympathisanten voran, macht durch ängstliches Hin-und-her-Gucken an den Fahrrädern und Autos vorbehaltenen Trassen die hier lauernden Unfallgefahren deutlich, balanciert mit ausgestreckten Armen durch wild abgestellte Herden von E-Scootern, zwängt sich an einem Fußgängerüberweg durch sich Stoßstange an Stoßstange reihende Autos, lässt einen Trolley über die Kleinpflasterbögen poltern…
Mit großem Aufwand ist der Bahnhofsvorplatz umgestaltet worden, vor Allem für den Radverkehr. Doch er sei jetzt auch für den Fußverkehr deutlich sicherer und komfortabler, sagt die Stadt. Wirklich? Wir hatten da Zweifel. Deshalb haben wir die Situation am 17. April 2026 einmal aus der Perspektive von Fußgängerinnen und Fußgängern untersucht. Kann man sich frei und sicher bewegen? Auch mit Kinderwagen oder Reisekoffern? Auch mit Blindenstock und Rollstuhl? Oder gibt es Verbesserungsbedarf?
Die „Inspektionstouren“ auf dem Theodor-Heuss-Platz, wie der Bahnhofsvorplatz offiziell heißt, zeigten viele Schwachstellen. Drei – jeweils zweimal durchgeführte – Touren hatten verschiedene Schwerpunkte:
- Den Übergangsbereichen für den Fußverkehr über Radboulevard und Fahrbahnen widmete sich die eine Tour und man konnte lernen: Nur wer Hindernislauf mit Koffer, Aktentasche und Rollator an der Hand mag, wird sich auf dem Weg vom Hauptbahnhof Richtung Post und Parkhaus wohl fühlen. Alle anderen müssen versuchen, sich ohne allzu großen Gute-Laune-Verlust zwischen parkenden Autos, über zugestellte Querungsstellen der beiden Radspuren und mit häufigem Hüftschwung um wild parkende E-Scooter und Räder herum durchzukämpfen, dann noch unmotiviert platzierte Betonklötze zu umschiffen, um endlich einen normalen Gehweg zu erreichen. Und auch wer vom Bahnhofsportal Richtung Hotel unterwegs ist, hat es auf der Pflasterung eher unkomfortabel, sobald Koffer, Kinderwagen, Rollator und ähnliches gerollt werden müssen.
- Wie es um die Wege zu den Bushaltestellen und die dortigen Wartebereiche steht, nahm eine andere Tour unter die Lupe: Hier zeigte sich, dass für die zu Fuß ankommenden und abreisenden Fahrgäste nur gerade das Nötigste für den technischen Busbetrieb vorgehalten wird. Attraktivität und Komfort für die Fahrgäste scheinen nachrangig zu sein. Haltestellenhäuschen stehen so eng an der Fahrbahnkante, dass ein- und aussteigende Fahrgäste sich wechselseitig behindern. Es fehlt jegliche Querungshilfe über die sehr breite und unübersichtliche Fahrbahn zur Businsel. Und es fehlt ein klares und barrierefreies Informationssystem, das Ankommenden die schnelle Orientierung einfach macht (Welchen Bus muss ich nehmen? Wo ist mein Bussteig? In wieviel Minuten fährt mein Bus?).
- Wie weit schließlich die Barrierefreiheit für Seh- und Mobilitätseingeschränkte gewährleistet ist, untersuchte eine dritte Tour: Die Mängel erwiesen sich dabei als weitgehend. Blindenleitsysteme, die einfach aufhören oder hinter Pfosten oder unmittelbar an einer Hauswand entlangführen sind ein Unfallrisiko für Sehbehinderte. Als kritischer Gefahrenpunkt erwies sich die Querung des Radboulevards vor dem Hotel Hohenzollern. Denn Sehbehinderte können anrollende Räder weder sehen noch hören, dem Radverkehr ist dort aber Vorrang eingeräumt und er hat kein Signal, die Querung zu respektieren. Einer der Teilnehmer wies darauf hin, dass die kontrastarme graue Ausführung der aktuellen Leitstreifen verhindert, dass – wie es auf ihn selbst zutrifft – Sehbeeinträchtigte ihr Restsehvermögen zur Orientierung einsetzen können. Und eine rollstuhlfahrende Teilnehmerin forderte angesichts des Fugenproblems zwischen den Pflastersteinen, wenigstens die zentralen Verbindungen geebnet anzulegen.
Im Rückblick hielt die zuFuß!-Vorsitzende Ruth Hammerbacher fest: „Die Zahl der Mängel ist groß und es ist völlig unverständlich, wie wenig sich die Stadt Osnabrück um eine fußgängerfreundliche und barrierefreie Gestaltung des Theodor-Heuss-Platz bemüht. Hier kommen jeden Tag Gäste und Touristen an und sind zu Fuß auf dem Platz unterwegs. Ebenso Tausende von Bürgerinnen und Bürger aus Stadt und Region, die zur Arbeit oder Ausbildung pendeln. Die Stadt vergibt bisher die große Chance, einen Willkommensplatz mit hoher Aufenthaltsqualität zu gestalten.“
Diese Aktion fand im Rahmen unseres Projektes „Kultur zu Fuß“ statt, das dankenswerterweise gefördert wird vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, dem Landschaftsverband Osnabrücker Land und der Sparkasse Osnabrück.
